Mit der Vorstellung,
der große Unbekannte,
der dafür gesorgt hat,
dass es etwas statt nichts gibt,
könne das Universum gezielt gestalten
und
zu Millionen Menschen gleichzeitig sprechen,
entzieht man sich völlig der Verantwortung,
eine Erklärung zu finden.
Es ist die entsetzliche Zurschaustellung
einer selbstzufriedenen,
das Denken leugnenden Wundergläubigkeit.

Richard Dawkins



Dreimal wunderbare Mutter
Heil der Kranken
Knotenlöserin:

Habsberg



Sebald-Leser kennen den Wallfahrer, der in den Hundstagen zu Fuß durch Suffolk, eine spärlich besiedelte Gegend an der englischen Südostküste wandert und dort in Heidelandschaften und abgelegenen Küstenorten die ganze Welt unter den Ringen des Saturn wieder findet.

Überall stößt er auf Spuren vergangener Herrlichkeit und Schande und bringt sie zum Sprechen.




Was hätte Max, wäre er auf dem Jurasteig gepilgert, nicht alles entdeckt:
Einen der größten Truppenübungsplätze, wo heute US-Truppen die Eroberung des Orients üben und Deutschland Menschen internierte, die Befreiungshalle eines reaktionären Königs mit dem Phatasietitel "König von Bayern, Herzog von Franken, Herzog in Schwaben und Pfalzgraf bei Rhein“ , der seine eigenen Untertanen unterdrückt, eine Affäre mit einer Tänzerin hat, abdanken muss, und - zwei Wallfahrtskirchen:

Ihre Entstehung verdankt die Nachwelt der "Krankheit der Reichen und Säufer": Gicht. Schwer leidet unter ihr ein Gerichtsbeamter der Tillys auf Burg Helfenberg, südlich vom Habsberg, namens Johann Panzer :

(hier gestützt auf zwei Krücken, neben ihm Frau Eleonore.)

Die Tillys, das Geschlecht des gnadenlosen Feldherrn Tillyder katholischen Liga im 30jährigen Krieg, haben im 17. Jahrhundert Besitzungen in Breitenbrunn und Umgebung.
Vom einst repräsentativen

Schloß Helfenberg

ist außer ein paar verfallenden Mauern nichts mehr übrig.
Johann Panzers Gicht war so gravierend, dass er nicht mehr laufen kann.
Er blickt von seinem Krankenlager auf die Marien-Figur und fleht um Hilfe. Da vernimmt er eines Nachts eine Stimme, die ihn dreimal auffordert, auf dem Habsberg eine Kapelle zu errichten.
Panzer lässt sich auf den Berg tragen, um den Platz dafür zu bestimmen. Er wird sie dem Heiligen weihen, dessen Heiligtum ein Knecht von einem hohen Baum aus zuerst erblickt: es es der Maria-Hilf-Berg in Amberg.

Panzer erwirbt die Bergkuppe, lässt 1680 bis 1682 eine Kapelle errichten, die Marienfigur als Gnadenbild dorthin bringen, sich als ersten Wallfahrer auf den Berg tragen - und ist geheilt.
Seitdem wird Maria als „Heil der Kranken“ auf dem Habsberg verehrt, der Ablasshandel erblüht, die Wallfahrt erfährt weitere Impulse:
Eines Nachts sieht ein Jäger unerklärliches Licht vom Marienbild in der Gnadenkapelle ausgehen.
1727 will ein durch einen Hausbrand mittellos gewordener Bauer aus Unterwiesenacker sich erhängen. Schon dem Erstickungstod nahe, bringt ihn eine Stimme zur Vernunft, worauf er sich aus der Schlinge befreit.

So lange es zivilisiertes Menschentum gibt, so lange auch Wallfahrten.
Reisen, um ein heiliges Gebot zu erfüllen oder bestimmte Pilgerstätten religiöser Bedeutung zu besuchen, die Muslime nennen sie Haddsch oder Ziyara. Antike Griechen und Römer bereisen ferne Tempel, Germanen wallen zu heiligen Hainen.


Man führt Wallfahrten auf den Glauben zurück, dass übernatürliche Mächte ihre Kraft an bestimmten Orten besonders stark entfalten, wie Mekka, Benares, Santiago de Compostela. Es sind Schlüsselstationen im Leben des Gautama Buddha oder Jesu Christi, der Gottesmutter Maria oder eines Heiligen. Im Mittelalter schreibt man diese Kräfte vielen Orten zu, manchmal im Zusammenhang mit Pogromen an jüdischen Gemeinden und erfundenen antijudaistischen Legenden.
Eine Wallfahrt ist auch immer soziales Ereignis, sie führt zu Begegnungen und Austausch zwischen Gläubigen, dient der Finanzierung von religiösen Stätten oder Orten und Institutionen der religiösen Tradition, Lehre und Bildung durch wallfahrende Gläubige und touristisch oder historisch Interessierten.



Ablass:
Sie sind Katholik und wollen zeitliche Sündenstrafen erlassen haben? Tun Sie ein frommes Werk, z. B. eine Wallfahrt auf den Habsberg, beichten Sie, empfangen die heilige Kommunion! Die Gewinnung Iheres Ablasses bestätigt die zuständige kirchliche Behörde im Ablassbrief.
Mit Einkünften aus dem Ablasshandel, der seit 1567 verboten ist und Luther zur Reformation ermuntert, raffen viele Päpste beträchtliche Geldsummen aus ganz Europa zusammen, etwa für den Petersdombau in Rom.

In der Gnadenkapelle auf dem Habsberg wird es - der zunehmend mehr werdenden Wallfahrer wegen - eng.
Gräfin Maria Anna Katharina von Tilly-Montfort erweitert sie.
1743 zählt man rund 20.000 Wallfahrer. Die Gnadenkapelle ist wieder zu eng, die Pilger haben Hunger und Durst. 1760 bis 1769 wird eine zweite Kirche gebaut, der Mesner hat das Recht, Bier an die Pilger zu reichen und sie zu bewirten.
Gastwirte schlagen Holzbuden mit Speisen und Getränken auf.

1935 bis 1948 ist

Michael Rackl
Bischof von Eichstätt, zu dem die Wallfahrtsstätte gehört. In der Zeit als Rektor der Hochschule Eichstätt unterzeichnet er 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat.
In seiner Bischofszeit wird er zwar Kritiker der Nazis und weist auf die Unvereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der nationalsozialistischen Ideologie hin, bezeichnet aber den Russlandfeldzug als Kreuzzug, einen heiligen Krieg für Heimat und Volk, für Glauben und Kirche, für Christus und sein hochheiliges Kreuz.
1942, als der Weltkrieg tobt: In Zeiten der Not und Gefahr wandten sich unsere Väter vertrauensvoll an Maria. Die Siege, welche die heilige Jungfrau erstritt, bereiteten die Rückkehr besserer Zeiten vor. So soll es auch in den Stürmen der Gegenwart sein.

Und bis zum heutigen Tag finden Tausende von Pilgern und Wallfahrern den Weg auf den Habsberg ...

Das Zentrum der Gnadenkapelle ist das Gnadenbild.

Die bekrönte Madonna mit Kind neigt sich herab, auf der Linken trägt sie ihr Kind,
das wie die Mutter mit der Rechten den Betrachter segnet und mit der Linken die
Weltkugel umfasst.

Die Wallfahrtskirche ist eine der schönsten Kirchenräume der westlichen Oberpfalz, eine reife Frucht des späten Rokoko, innerhalb eines knappen Jahrzehnts entstanden und von beeindruckender Geschlossenheit.
Wir bestaunen das Werk bodenständiger Meister, vor allem aus der nächsten Umgebung.
Küntlerische Originalität in ungebrochener Kraft, die Reastaurierung hat die urprüngliche Farbigkeit zurückgewonnen.




Über dem inneren Portal drei originelle, vollkstümliche, fast lebensgroße Pilger: drei Geheilte.

Im Blickpunkt des Raumes:
der mächtige Hochaltar.



Auf dem linken Seitenaltar Florian,
links Elisabeth,
einem Kranken Almosen spendend,
rechts Ottilie,
einen Augapfel auf einem Buch haltend.



Auf dem rechten Seitenaltar Georg, links Franz Xaver und rechts Johannes Nepomuk.
Das Programm: Helfen in Unglück, Armut und Krankheit, ritterlicher Kampf gegen das Böse, Unglauben und Verleumdung.



Auf dem rechten Altar ein Rokokoglasschrein mit den Gebeinen des Märtyrers Fortunatus.



Die Orgel:
Durch das doppelte Manual und ihre 16 Register, die noch zu 90 % den ursprünglichen Pfeifen- bestand enthalten, ein kostbares und seltenes Werk aus dem 18. Jh. Die silberhellen, weichen, aber auch kraftvollen und scharfen Register erfüllen den Raum mit einem hohen Stimmungsgehalt. Das elegante Gehäuse mit seinem Schnitzwerk ist ebenfalls noch original.



Die Wallfahrt wird in ihren Freskomalereien am deutlichsten, Thema:
Maria salus infirmorum (lat): Maria, Heil der Schwachen/Kranken.

Mit der barocken Kleidung, den bewegten Gesten, der träumerischen Burgenlandschaft, den ziehenden Wolken mit Engelsgestalten gibt die Deckenmalerei das hochgestimmte religiöse Lebensgefühl des späten Rokoko wider.

Auf der südlichen Seite steigt der Habsberg empor, zwischen den Kirchen ein Baum mit dem Mann, der sich erhängen wollte. Drei Prozessionen ziehen den Berg hinauf. Wir sehen die ganze Volkstümlichkeit des barocken Pilgerns.
Im gesamen Raum feiern Stuck und Farbgebung Triumph:
Alles ist vom Muschelornament des Rokoko überspielt. Wie schäumende und verspritzende Wellen des Meeres füllt es freie Gewölbeflächen, haftet es an den Gesimsen und Kapitellen, setzt sich gleich Wolken fest an den Altären und der Kanzel. Dazwischen grüne Gehänge mit goldenen Rosen. Vom zarten Graugrün des Gewölbegrundes und der Pfeiler hebt sich das blühende Weiß der Pilaster und Gesimse ab. Goldaufblitzung steigert die Symphonie der Farben, die auf den Dreiklang von Weiß, Blaugrau bis Blaugrün und Rosa abgestimmt sind.

Ein Mann flieht aus dem brennenden Haus, ein anderer wird überfahren, ein dritter kann nicht sprechen und ein vierter nichts sehen ...


Eine Frau tröstet die andere, ein Mann ist gefangen, ein anderer hinkt, Menschen kämpfen in der Flut um ihr Leben ...


Eine Mutter dankt für ihr Kind, eine Frau leidet unter Migräne, ein Verwirrter will sich erhängen...

Ein Besessener haucht den Teufel aus, ein Sterbender erhält die Hostie, ein Mann stürzt vom Gerüst ...







































Seit 1997 hat die Wallfahrtskirche 4 neue Glocken: -->



Sie sind Golfer?
Spieler A puttet den Ball ins Loch, versäumt es aber, den Ball aufzunehmen. Spieler B locht ebenfalls ein. Der dritte Mitbewerber sieht darin einen Regelverstoß. Hat er Recht?
Kommen Sie auf den Golfplatz des GC "Am Habsberg", lochen Sie, fernab von größeren Ansiedlungen, ein, die Wallfahrtskirche auf dem Habsberg im Blick ...










Nicht weit vom Habsberg, bei St. Lampert, spielt sich in den letzten Kriegstagen 1945 eine Tragödie ab.
Lorenz Schwoyer aus Gilching bei München, Gerhard Beosl aus Sondershausen in Thüringen und ein Unbekannter, Soldaten auf ihrer Flucht nach Hause, so wird erzählt, verstecken sich vor den Amis im Wald; der Bauer verrät sie, die GI's erschießen die deutschen Landser ...



Ich meine,
die meisten Menschen klammern sich vorwiegend
nicht deshalb an die Religion,
weil sie von ihr getröstet werden,
sondern weil sie von unserem Bildungssystem
im Stich gelassen wurden
und
sich nicht einmal klar machen,
dass Unglauben überhaupt möglich ist.

Richard Dawkins



Georg Ratzinger
Bruder von Papst Benedikt XVI.
Leiter der Regensburger Domspatzen von 1964 bis 1994







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