Und der König erhöhte Daniel ...
machte ihn zum Fürsten über das ganze Land.
(Daniel 2, 48)




Nördlinger Ries



Jemand, der - wenig bewandert in Geologie - seinen Blick vom Daniel in die idyllische Runde der Weiler, Wälder und fruchtbaren Felder schweifen läßt, ahnt nichts vom kosmischen Supergau, inmitten dessen er steht. Aus der Gegend zwischen Mars und Jupiter kommend, rast mit huntertausend Stundenkilometern ein Himmelskörper herab, schlägt auf und verdampft in Bruchteilen einer Millisekunde, ein Glutstrom zieht über das Land, lässt alles Leben im Umkreis von über hundert Kilometern erlöschen, tonnenschwere Gesteinsblöcke fliegen bis sechzig Kilometer weit, sintflutartiger Regen fällt.


Noch heute findet man in Mähren in Tschechien tropfenförmige Gesteinsperlen, im Fluge abgekühltes glutflüssiges Material aus dem Ries - manchenorts als Schmuck verarbeitet.





Unerwartet trift der Tod ein bevölkertes Land, wo subtropisches Klima herrscht. In der an die Savannen Afrikas erinnernden Gegend leben riesige Tierarten: das giraffenähnliche Aepycamelus, das kuhgroße Monsterschwein Archaotherium, neben dem sich unser heutiges heutiges Wildschwein eher klein ausnimmt, Nashörner, Flusspferde und Krokodile. Bis zum ersten Menschen sollen noch zehn Millionen Jahre vergehen.

Kräfte, wie sie nur bei Atombombenexplosionen auftreten und im irdischen Normaldasein fehlen, bringen neues Impaktgestein hervor, den aufgerissenen Einschlagskrater von fünfhundert Quadratkilometern füllt ein See von vielhundert Metern Wassertiefe.

Vom genannten Kirchturm in Nördlingen ist bei klarer Luft der gezirkelte Rand des Kraters auszumachen, seit fünfzehn Millionen Jahren trägt der Wind fruchtbaren Löß heran. So lange soll es her sein, spekulieren die Wissenschaftler, dass im heutigen Schwäbisch-Fränkischen Jura der gigantische Meteorit einschlug. Mit ebensolcher Überzeugungskraft analysierten die Forscher vor zwei Jahrhunderten, es handele sich vorliegend um einen Vulkan, ein paar Jahrzehnte später kam die Gletscher- oder auch eine Explosionstheorie auf.

Sicher jedenfalls ist, dass im Ries seit vieltausend Jahren Menschen, nämlich Kelten, Römer, Alemannen, Württemberger, Bayern siedeln; der einstige Kratersee ist verlandet, hier herrscht ein eigenes, mildes Klima mit mehr Sonnentagen als anderswo. Die Stadtbefestigung Nördlingens, Rathaus und Daniel sind aus Suevitstein, der sonst auf dem Planeten fehlt. Seine so genannten "Flädle" sind Fetzen der glasigen Schmelze, die der Flug aerodynamisch verformte. Schon die Römer benutzten Suevit (von lateinisch Suevia = Schwaben) als Baumaterial, die Festung Ingolstadt ist gleichfalls daraus erbaut.

Wie Krater aussehen auf einem nicht wie die Erde geologisch aktiven sondern toten Planeten, verdeutlicht die Mondoberfäche: eine von unzähligen Einschlagskratern übersäte Welt. Auf der Erde werden die Krater bis zur Unkenntlichkeit abgetragen, durch Sedimente überdeckt, immer wieder erneuert die Plattentektonik - in Jahrmillionen - die Erdkruste.
Und deshalb üben auch die Astronauten, die später auf dem Mond landen werden, in den Rieser Steinbrüchen für ihre Expedition ins All, von der sie ein Stück Mondgestein für das Rieskratermuseum mitbringen ...

Die Wissenschaft analysiert einen Meteoritentreffer in Zeitlupe:

Die Schockwelle pflanzt sich blitzschnell in der Erdkruste fort, komprimiert die Gesteine mit millionenfachem atmosphärischen Druck.
Die folgende Dekompressionswelle hebt den Krater aus, geschmolzenes und verdampftes Material der Erde und des Meteoriten fliegt seitlich weg, bildet die Auswurfsdecke.
Fliegende Teile landen in entfernten Gebieten als so genannte Tektite. Der Krater dehnt sich aus, bis die Schockwelle zu schwach wird, um das umgebende Gestein noch zu bewegen.
Nach der Faustregel, wonach das Verhältnis vom Einschlagskörper zum Krater bei etwa 1 zu 20 liegt, hatte der Nördlinger Meteorit einen Durchmesser von eintausendzweihundert Metern.



Im Krater rutschen nach Ende der Auswurftätigkeil die Kraterwände nach, in seinem Zentrum entsteht der innere kristalline Ringwall. Dann bildet sich ein See von der Größe des Bodensees, der zwei Millionen Jahre exisitiert, dreihundert Meter mächtige Tone mit kleinen Braunkohle-Flözchen werden abgelagert. An den Kraterrändern und den Aufragungen des Ringwalles entstehen fossilreiche Riessee-Kalke mit Algen-Riffen oder Schneckenkalken.
Bereits im jüngsten Tertiär beginnt die Abtragung der See-Ablagerungen, die höher gelegenen Teile im Rieskessel sowie der größte Teil der ausgeworfenen Trümmermassen auf dem Albvorland werden ausgeräumt, die heutige Kraterform bildet sich aus.
Immense Eingriffe in die süddeutsche Landschaft sind Folge des Meteoriteneinschlags:
Zahlreiche Flüsse werden umgeleitet oder aufgestaut, etwa Ur-Main und Ur-Altmühl, der größte der entstandenen Stauseen, der Rezat-Altmühl-See, reicht im Norden bis in die Ansbacher und Nürnberger Gegend.


Und heute?
Irgendwo in den Weiten des Sonnensystem ziehen Fels- und Eisenbrocken ihre Bahn, auf der sie eines Tages mit der Erde zusammenstossen werden. Ein Szenario, wie es 1908 in Sibirien geschieht.
Ein Ereignis in der Größenordnung des Nördlinger Rieses kommt nur alle zehn Millionen Jahre einmal vor. Und ob danach dann etwas so Schönes wie das Nördlinger Ries zurückbleibt, ist eine andere Frage.

Angesichts der überwältigenden Anzahl von Galaxien mit ihren hunderten von Millionen Sonnen ist plausibel, dass es Millionen von Zivilisationen geben könnte. Selbst wenn aber jede Galaxie mit ihren hundert Milliarden Sonnen zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschnittlich nur eine Zivilisation beherbergen sollte, würde doch irgendwo im Kosmos jeden Tag eine Zivilisation durch einen Asteroidentreffer ausgelöscht.

Etwa 40 km südwestlich vom Nördlinger Ries liegt das Steinheimer Becken, ein weiterer Einschlagskrater mit 3,5 km Durchmesser. Er ist ebenfalls rund 15 Millionen Jahre alt und dürfte auf das gleiche Ereignis wie das Ries zurückgehen: ein kosmischen Körper saust herab, begleitet von einem kleineren Satelliten. Aber das ist ein anderes Fundstück ...

In Unterschneidheim in der Nähe von Nördlingen findet etwas Besonderes statt: Regattasegeln mit ferngelenkten Modell-Segel-Yachten. Wieder ein anderes Fundstück ...

Und auf dem heutigen, viel kleineren Altmühlsee segeln richtige Jollen und Yachten ebenfalls Regatten. Noch einmal ein anderes Fundstück ....