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Wer Amsterdam besucht, ist beeindruckt von den vielen prächtigen Bauten aus alter Zeit.
Sie sind nicht zuletzt den Regierungen der Oranier zu verdanken, eines der großen Dynastie-Geschlechter
Europas.
Die Geschichte Hollands ist eine Geschichte des Widerstands gegen die Arroganz der Großmächte. Im 15. Jahrhundert
reißen sich die Habsburger das Land unter den Nagel. Kaiser Karl V. vereinigt die „Niedere Lande“ mit
Belgien und Luxemburg, die „Niedere Lande“ sind nun Teil des großen burgundisch-habsburgischen Reiches.
1568 sieht sich Karls Sohn und Nachfolger Philipp II. mit heftigem Widerstand konfrontiert. Rebellen aus den nördlichen niederländischen
Gebieten, an deren Spitze Wilhelm I. von Oranien steht, nehmen die Einschränkung der Religionsfreiheit und absolutistische Tendenzen
als Anlass für einen Krieg, der 80 Jahre währt. Wilhelm wird Opfer eines Attentats - Philipp II. hat ihn geächtet,
die Kirche sieht in der Ermordung eines Ketzers eine verdienstvolle Tat.
Während des 80jährigen Kriegs kämpft Friedrich Heinrich - wie

sein Vater Wilhelm I. von Oranien,
ebenfalls Statthalter der Niederlande,
weiter gegen die Spanier für die Unabhängigkeit der Niederlande.
Weil er Erfolg bei der Eroberung befestigter Städten (1627 Grol, 1629 Herzogenbusch und 1632 Maastricht) hat,
bekommt er den Beinahmen stedendwinger = „Städtebezwinger“.
Aber auch als Diplomat, Heiratsvermittler und Geldverwalter macht er beträchtlich Furore.
Unter Mithilfe des niederländischen Gesandten François van Aerssen schließt er Bündnisse mit Dänemark, Schweden und Frankreich gegen Spanien,
finanziert Gustav Adolfs Feldzüge ab 1631 mit, hält sich selbst aber aus dem 30jährigen Krieges heraus.
Innenpolitisch vereint er das Amt eines Kapitän-Generals aller Truppen mit der Statthalterschaft sämtlicher Provinzen und wird schwerreich.
Seine Nachkommen verheiratet er mit europäischen Herrscherhäusern.
Friedrich Heinrich ist das Kind vierter Ehe seines Vaters Wilhelm von Oranien (dessen jüngster Sohn er ist) mit Louise de Coligny,
geboren am 29. Januar 1584 in Delft. Am 10. Juli 1584 ermordet der katholische Fanatiker Balthasar Gérard
seinen Vater. Friedrich Heinrich wird auf Staatskosten durch seine Mutter erzogen. Als er 9 Jahre alt ist,
schenkt ihm Holland ein Regiment und das Gouvernement von Geertruidenberg, er studiert an der Leydener Universität und 1597
reist er mit seiner Mutter zum Besuch der Verwandten nach Frankreich, wo letzte Hand an seine Erziehung gelegt wird.
Dann begleitet er seinen Bruder,
Prinz Moritz
geboren 1567 in der zweiten - geschiedenen - Ehe Wilhelms mit Anna von Sachsen, ins Feld.
Sein erstes selbständiges Kommando bekommt er 1615, und als Moritz 1625 kinderlos fällt, wird er dessen Nachfolger als
Statthalter von Gelderland, Holland, Seeland, Utrecht und Overyssel, was er bis zu seinem Tod 1647 bleibt.
Einer der reichsten Fürsten seiner Zeit, mit zahlreichen Besitzungen in den Niederlanden, in Deutschland und Frankreich, heiratet er
1625 auf Wunsch seines Bruders Amalia von Solms-Braunfels, eine schöne, aber herrsch- und geldsüchtige Frau,
Hofdame der Exkönigin Böhmens. Sie weiß sich großen Einfluß auf ihren Gemahl zu verschaffen und ist öfters sein böser Genius.
Gräfin Amalia von Solms-Braunfels
geboren 1602 auf Schloss Braunfels, ist die vierte Tochter des Grafen Johann Albrecht I. zu Solms-Braunfels (1563–1623)
und seiner ersten Ehefrau Gräfin Agnes zu Sayn-Wittgenstein (1569–1617).
1619 kommt Amalie an den Heidelberger Hof und wird Hofdame der Pfalzgräfin-Kurfürstin von der Pfalz,
der späteren Winterkönigin, Elisabeth Stuart, der W.G. Sebald im Zug begegnet
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Nach ihrer Flucht aus Prag kommt Gräfin Amalie mit der königlichen Familie im Frühling 1621 nach Den Haag,
wo sie auf einem Ball zu Ehren der Winterkönigin Prinz Friedrich Heinrich von Oranien, einen Vetter ihres Vaters, kennenlernt.
Aus der Verbindung mit ihm gehen neun Kinder hervor:
1. 1626 Wilhelm II.⚭ 1641 Princess Maria Henrietta Stuart
2. 1627 Louise Henriette ⚭ 1646 Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg
3. 1628 Henriette Amalia + 1628
4. 1630 Elisabeth + 1630
5. 1632 Isabelle Charlotte + 1642
6. 1634 Albertine Agnes ⚭ 1652 Graf Wilhelm Friedrich von Nassau-Dietz
7. 1637 Henrietta Catharina ⚭ 1659 Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau
8. 1639 Friedrich Heinrich + 1639
9. 1642 Marie Henrietta ⚭ 1666 Pfalzgraf Ludwig Heinrich von Simmern
Leidenschaftlich und herrschsüchtig, aber politisch hochbegabt, stattet Prinzessin Amalie von Oranien den Hof
im Haag mit königlichem Glanz aus und gestaltet ihn zu einem europäischen Zentrum der Künste.
Amalie hat am Heidelberger Hof eine Kunst quasi königlichen Zuschnitts kennengelernt und setzt zeit ihres Lebens exquisite
Kunstaufträge zur Darstellung ihres Ranges ein. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie den jeweiligen Neuerungen der Pariser Hofkunst,
die sie nacheinander in verschiedenen Palästen und Schlössern in ihren Appartements umsetzt.
Ab 1625 nimmt das Statthalterehepaar seine Hauptwohnung im
Binnenhof in Den Haag,
der durch Bauleute aus Paris
um einen neuen Flügel erweitert und 1632 nochmals durch einen kurzen Flügel vergrößert wird.
Bis 1647 wird das
Landschloss Huis Honselaarsdijk (nicht erhaltenen) erbaut.
1633 bis 1636 entstehen in der unmittelbaren Umgebung von Den Haag in Rijswijk Schloss und Garten von Huis ter Nieuwburg,
(heute verfallen)
1645 wird nordöstlich von Den Haag mit dem Lustschloss Huis ten Bosch begonnen, das Amalie nach dem Tod ihres Mannes 1647
zu einem Mausoleum und Gedenkbau nach dem Vorbild des
Palais du Luxembourg/Paris gestaltet.
Im Wohnpalast Huis ten Bosch reidiert heute die neue Königsfamilie Willem-Alexander und Máxima mietfrei,
er ist für die Öffentlichkeit gesperrt, bei einem Spaziergang durch den Wald Haagse Bos aber aus der Ferne zu betrachten ...
Bei all ihren Bauvorhaben beschäftigt sich Amalia vor allem mit der Innenausgestaltung, wobei sie
die neuesten Pariser Ideen des durch ein dominierendes Farbschema vereinheitlichten und konzentrierten Raumeindrucks umsetzt.
Ebenso neu sind die geprägten, auf Goldgrund farbig bemalten Ledertapeten. In den 1630er Jahren wird die Wandgestaltung ergänzt.
Man teilt Räume durch raumhohe Holzpaneele in Felder ein und lässt Gemälde mit farbigen Grotesken, Landschaftsansichten
oder Seestücken ein.
Amalie beginnt auch - die Niederlande sind Haupthandelsort für Importe aus Ostasien - Porzellanwaren aus China als prestigeträchtige Gegenstände in besonderen Räumen zu konzentrieren und zu sammeln.
In der Folgezeit sollen sich die neuen Raumtypen des Porzellankabinetts als Manifestation
von Chinabegeisterung und beeindruckender Architektur über ganz Europa verbreiten.
1675 stirbt Amalie 73jährig.
Mit Friedrich Heinrichs Statthalterschaft haben die glänzenden Tage der Republik, von der dürftigen Bürgerlichkeit,
die seinen Vater in seinen letzten Tagen auszeichnet, oder von der soldatischen Einfachheit seines rauhen Bruders
ist nichts mehr zu sehen.
Friedrich Heinrich versteht den wissenschaftlichen Festungskrieg, den sein Bruder erfand, zu führen. Seine Lager sind Muster von Schanzarbeit,
für jeden Angreifer uneinnehmbar. Sein Heer ist während des dreißigjährigen Krieges die militärische Schule Europas,
aus allen Nationen des protestantischen Europas zusammengesetzt.
Auch zur See wachsen Ruhm und Macht der Niederländer, wie auch ihr Handel allen anderen Nationen den Rang abläuft, sie erwerben in aller
Welt Besitzungen.
Ein üppiges Wohlleben beginnt in den täglich reicher werdenden Städten Hollands, voraus in Amsterdam.
Die alte kalvinistische Intoleranz ist tot, Künste, namentlich Malerei, Wissenschaft und Dichtkunst blühen.
Die kolossale und überladene Bauart der neuen Städte in Holland erregt noch jetzt Bewunderung.
Aber das Vertrauen der Regenten, wenn auch nicht des Volkes, sinkt, als der Prinz sich mit unerhörter Hartnäckigkeit
den Friedensbestrebungen widersetzt, getrieben von persönlichen Interessen, Einflüsterungen seiner Frau und Frankreichs,
dem er mit Leib und Seele ergeben ist. In seinen letzten Jahren soll er nur ein Schatten seiner selbst
und vollständig beherrscht von seiner Frau gewesen sein.
Den Frieden 1648 mit Spanien nicht mehr erlebend stirbt er nach langem Siechthum am 14. März 1647.
Er selbst verfasst die höchst merkwürdigen
„Memoires de Fréderic Henri“, die unparteiische,
einfache und schmucklose Darstellung seiner Feldzüge.

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